KRITIK DER WOCHE

The Dark Knight Rises
Man wird diesen Film vorerst nicht ohne jene schreckliche Bluttat rezipieren können, die bei einer der US-Mitternachtspremieren in der Vorwoche in Aurora, Colorado, verübt wurde. Der Mann, der während der Vorstellung wahllos das Feuer auf Kinobesucher eröffnete und zwölf davon tödlich traf, hat mit „The Dark Knight Rises“ nichts zu tun, und doch wird diese Wahnsinnstat erneut zu einer breiten Debatte über den Einfluss von Filmen und Videospielen auf Massenmörder und Amok-Läufer führen, die mittlerweile scheinbar genau geplant aber ohne Motiv agieren.

Doch „The Dark Knight Rises“ muss losgelöst von dieser Tragödie beurteilt werden, denn der Attentäter hat den Film nicht gesehen, in dem es um mehr geht als um die Verfilmung von Gewalt, um die Auslotung von menschlichen Abgründen. Christopher Nolan beendet nun seine 2005 mit „Batman Begins“ begonnene Superhelden-Trilogie; über Batman, seinen Superhelden, legte er schon in den beiden vorangegangenen Filmen (vor allem in „The Dark Knight“) jene Ambivalenz zwischen Selbstgerechtigkeit, Outlaw, Verbrechensbekämpfer und Selbstjustizler, die den Comics (vor allem von Frank Miller) immanent waren, und die schon Schöpfer Bob Kane als die furchterregendste Eigenschaft seines Helden formulierte, bevor die Comicreihe schließlich mit Figuren wie Robin auch zum Ulk verkam. Nolan aber besinnt sich auf diese düstere Frühzeit des ewig gespaltenen Bruce Wayne, der zwar Geld wie Heu aber keine elterlichen Schultern mehr zum Ausweinen hat, weil ein Verbrecher sie vor seinen Augen tötete. Acht Film-Jahre sind vergangen, seit Staatsanwalt Harvey Dent durchgedreht ist und andere Menschen mit dem Tod bestraft hat, um den Tod seiner Freundin Rachel Dawes zu rächen. Damals nahm Batman (Christian Bale) die Morde zum Wohle Gothams auf sich, was aber bedeutete, dass er nie mehr im Fledermaus-Kostüm auf die Jagd gehen kann. Der eingeführte „Harvey-Dent-Act“ hat Gotham aber ohnehin fast verbrecherfrei gemacht, denn die Schurken dürfen nicht mehr vorzeitig entlassen werden. Doch mit dem Bösewicht Bane (Tom Hardy), der plötzlich auftaucht und Gotham terrorisiert, ist die Zeit reif für ein Comeback des dunklen Ritters.

Mit Miranda Tate (Marion Cotillard) und Selina Kyle (Anne Hathaway im Katzenkostüm) wurde die attraktive Darsteller-Riege ordentlich aufgestockt, und mit der Figur von Bane erstmals ein großer Teil der „Knightfall“-Geschichte verfilmt, die sich 1993 monatelang durch sämtliche DC-Titel zog und am Ende von einem mit gebrochenem Rückgrat daliegenden Batman erzählte.

Nolan tischt in seiner über 160 Minuten langen Verfilmung seines eigenen Drehbuchs (das er zusammen mit seinem Bruder verfasste) ein spektakuläres und finsteres Gotham City auf, das in den Comicverfilmungen der letzten 20 Jahre seinesgleichen sucht. Vielleicht war die Inszenierung eines Comics noch nie so meisterhaft wie hier, was zugegeben auch an der düsteren Vorlage liegt, weniger an der hunderte Millionen teuren Ausstattung. Ein Spektakel ist „The Dark Knight Rises“ allemal, auch, wenn es hier mehr um die Psyche der Hauptfiguren geht als um ihre kämpferischen Auseinandersetzungen untereinander. Der neue Film ist das etwas zu lange, aber perfekte Nachspiel zu „The Dark Knight“, in dem Nolan nun, entlang der zeitgleich stattfindenden Finanzkrise auch gesellschaftspolitisch rundum schlägt: Die Reichen in Gotham haben in der von dem Anarcho Bane regierten Welt keine Stimme mehr, sie werden nicht erfreut sein. Das als Kritik am Wirtschaftssystem unserer Tage zu lesen, soll erlaubt sein, jedoch: „The Dark Knight Rises“ ist und bleibt ein Prunkstück des Comic-Genres und kann und muss auch losgelöst von politisch-gesellschaftlichen Realentwicklungen gesehen werden. Es ist Event-Kino im besten Sinne. Und es sollte dem kranken Attentäter von Aurora nicht als Sprungbrett zu trauriger Berühmtheit dienen.

Details zum Film

Filmjournalist Matthias Greuling studierte Publizistik in Wien und Filmregie in New York. Heute schreibt er u.a. für M* magazine, celluloid Filmmagazin sowie die "Wiener Zeitung". Matthias Greuling
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